„Mein künftiger Chef machte mir Mut: ‚Das ist wie Rad fahren, das verlernt man nicht‘.“

Dr. Gabriele Maria HoschDr. Gabriele Maria Hosch,

Weiterbildungsassistentin im Hausarztzentrum von Dr. Anton Böhm, Ingolstadt (Bayern), verheiratet, zwei Kinder, wurde von der Familie zum Wiedereinstieg ermutigt.

Nach meinem Medizinstudium an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Doktorarbeit an der TU München zog ich mit meinem Mann nach Hamburg. Dies war der erste von insgesamt acht Umzügen. In Hamburg strebte ich an einem großen Lehrkrankenhaus den Facharzt für Innere Medizin an und erhielt sogar eine unbefristete Stelle. Noch bevor ich den Facharzt abgeschlossen hatte, bekamen wir unsere beiden Wunschkinder. Da wir sie nicht direkt zur Obhut in fremde Hände geben wollten, entschied ich mich, den ganzen Erziehungsurlaub in Anspruch zu nehmen.

Durch das Berufsziel meines Mannes, der eine Universitätskarriere anstrebte, folgten mehrere Stadtwechsel durch verschiedene Bundesländer. An einen Wiedereinstieg war in dieser Zeit aus vielerlei Gründen für mich nicht zu denken und im Grunde hatte ich es mittlerweile ganz aufgegeben, wieder arbeiten zu gehen.

Als wir schließlich wieder in unserer Heimat Bayern gelandet waren, hatte ich mehr als zehn Jahre nicht mehr als Ärztin gearbeitet.

„Das ist wie Rad fahren“

Zu dieser Zeit rief mich Dr. Anton Böhm, Allgemeinmediziner aus Ingolstadt, an. Er hatte ein Hausarztzentrum mit drei Standorten, vielen Teilhabern und einem großen Patientenstamm aufgebaut und suchte dringend einen Mitarbeiter.

Obwohl ich zunächst glaubte, das nicht schaffen zu können, dachte ich viel über diese Möglichkeit nach. Ich war hin- und hergerissen zwischen der sich bietenden Chance und der Sorge, meinen anderen Aufgaben dann nicht mehr gerecht werden zu können.

Doch ich wurde von vielen Seiten, insbesondere von meiner Familie, ermuntert, es zu versuchen. Mein Mann meinte: „Wenn Du diese Chance nicht ergreifst, wann dann? Es wird nie besser passen!“ Ich wusste, dass er Recht hatte, und entschloss mich schließlich, mich zumindest bei Dr. Böhm vorzustellen. Ganz ehrlich erzählte ich ihm, wie lange ich nicht mehr als Ärztin gearbeitet hatte und dass ich aufgrund meiner privaten Aufgaben nur eingeschränkt zur Verfügung stehen könne. Doch mein zukünftiger Chef machte mir Mut: „Das ist wie Rad fahren, das verlernt man nicht.“ Das Ärzteteam hätte so viel Arbeit und jede Stunde der Unterstützung würde helfen.

Ich wusste, dass sich mir hier eine sehr gute Chance bietet. Nach einer kurzen Be-denkzeit entschloss ich mich, es zu versuchen und bat für den Einstieg um eine mehrwöchige Hospitation.

Gemischte Gefühle am ersten Tag

Aufgrund der langen Pause trat ich den ersten Tag der Hospitation mit sehr gemischten Gefühlen an. Vom ganzen Team wurde ich jedoch freundlich aufgenommen und nach einer kurzen Einarbeitungszeit, in der ich nur zuschaute, durfte ich rasch mit eigenen Patienten beginnen.

Natürlich kamen viele neue Dinge auf mich zu, zum Beispiel die Dokumentation am Computer oder die Abrechnung: fünf verschiedene Abrechnungsarten aufgrund zusätzlicher HzV-Verträge, jede mit anderen Ziffern für die gleichen Sachen. Das machte mir das Leben schwer. Dafür merkte ich, dass die Erfahrungen aus Untersuchung, Diagnostik, Differenzialdiagnosen und so weiter schnell wieder ins Gedächtnis kamen. Somit ging vieles besser als befürchtet.

Mein Chef ermunterte mich immer wieder und meinte dann, es wäre jetzt an der Zeit, auch ans Geldverdienen zu denken. Ich hospitierte noch in einem großen Klinikum in der Sonografie – und alles, was ich vor so vielen Jahren gelernt hatte, war wirklich sehr schnell wieder präsent. Auch meine Familie und Freunde fanden, die Arbeit würde mir gut tun, und so beantragte mein Chef für mich die Weiterbildungsstelle für „Innere und Allgemeinmedizin“.

Von der Hospitanz zur festen Stelle

Durch die umfassende Patientenbetreuung über jeweils einen längeren Zeitraum, die positiven Rückmeldungen der Patienten und die Arbeit im Team, habe ich die Hausarzttätigkeit zunehmend zu schätzen gelernt. Um mein Wissen aufzufrischen beziehungsweise auf den neuesten Stand zu bringen und um mich in neue Gebiete einzuarbeiten, habe ich möglichst viele lokale Weiterbildungen besucht, unter anderem die des ärztlichen Kreisverbands.

Von der Ärztekammer wird ein Kurs für Wiedereinsteiger angeboten, den ich aus terminlichen Gründen im ersten Jahr leider nicht besuchen konnte. Im darauf folgenden Jahr hatte er sich für mich bereits erübrigt. Den für Allgemeinmediziner verpflichtenden Kurs für Psychosomatik empfand ich als sehr hilfreich. Immerhin leiden mindestens 20 Prozent der Patienten in der Allgemeinarztpraxis an psychischen Erkrankungen. Man kann die Kenntnisse auf diesem Gebiet, zum Beispiel Krankheitsbilder oder medikamentöse Therapie und vieles mehr, vertiefen. Die empfohlene Gesprächsführung in der nötigen Kürze zu führen, bringt mich häufig immer noch in Schwierigkeiten. Die zusätzlich geforderte Balintgruppenarbeit habe ich, nach anfänglicher Skepsis, als sehr hilfreich erlebt, um belastende Fälle zu verarbeiten und von den Erfahrungen der Kollegen zu profitieren.

Mittlerweile bin ich seit zwei Jahren wieder als Ärztin tätig und bin wirklich sehr dankbar für die Unterstützung, die ich von vielen Seiten erfahren habe. Manchmal musste ich auch scharfe Kritik einstecken, die wieder Selbstzweifel hervorrief. Dem hohen Zeitdruck ohne wesentliche Qualitätseinbußen gerecht zu werden, ist nach wie vor mein größtes Problem. Aber gerade die Wertschätzung der Patienten, die positive Rückmeldung aus dem Team und die konstruktiven Ratschläge von meinem Chef, haben mir über diese schwierigen Phasen hinweggeholfen. Unterm Strich kann ich deshalb sagen: Der Wiedereinstieg ist geglückt.

Eine Win-Win-Situation

Zwar ist so ein später Wiedereinstieg nicht ganz einfach, aber er ist möglich. Durch die Chance der Teilzeitarbeit sind Beruf und Familie besser zu vereinbaren. Ich habe die hausärztliche Tätigkeit als vielfältig und interessant erfahren. Und man muss ja auch betonen, dass Hausärzte gesucht werden! Dadurch, dass die KVB die Weiterbildung für Allgemeinmedizin finanziert, wird der Weiterbilder finanziell kaum belastet. Eine weitgehend kostenlose Arbeitskraft zu haben macht die Angelegenheit zu einer Win-Win-Situation für beide Seiten. Die Aussichten sind also sehr gut.

Alle Kollegen, die darüber nachdenken, wieder einzusteigen, kann ich deshalb nur ermuntern, es zu versuchen. Ein Appell noch an die KVB: Es wäre sehr hilfreich, auch Teilzeitmodelle für die Weiterbildung in kleineren Zeitmodulen zu ermöglichen, damit gerade Mütter mit kleinen Kindern wieder schneller einsteigen können. Zum Beispiel wäre es denkbar, die Weiterbildungszeit einfach entsprechend proportional zu verlängern. Ein früherer Wiedereinstieg wäre für alle Seiten hilfreich und einfacher.

(Dieser Artikel ist im Magazin KVB Forum 10/2012 der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns erschienen.)

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