„Für mich gab es keine Widerstände, nur Herausforderungen“

Dr. Ines Pechtold (50),
Fachärztin für Allgemeinmedizin,
Einzelpraxis mit 14 Mitarbeitern in Tettau (Oberfranken),
verheiratet, drei Kinder und zwei Enkelkinder

Wie bringt man eine Praxis, einen Ehemann, drei Kinder, zwei Enkelkinder, einen Bauernhof und das eigene berufspolitische Engagement unter einen Hut? Zugegeben, die drei Kinder der 50-jährigen Allgemeinmedizinerin sind inzwischen erwachsen und gehen ihrer eigenen Wege. Doch das war selbstverständlich nicht immer so. Bereits während des zweiten Semesters ihres Medizinstudiums in Jena kommt Tochter Michelle zur Welt. Drei Monate bleibt die junge Mutter zu Hause, dann muss sie zurück in den Hörsaal. Ihr Mann legt beruflich eine Pause ein und versorgt das Kind. Als die Kleine acht Monate alt ist, ergattern die jungen Eltern einen Krippenplatz. „Das war eine große Erleichterung, so konnte auch mein Mann wieder arbeiten gehen.“ Ines Pechtold entwickelt sich zum Organisationstalent. Zum Beispiel verlegt sie ihre Praktika in die Semesterferien. „Und ich hab mir dafür Krankenhäuser in der näheren Umgebung ausgesucht. Im Grunde lief das alles sehr gut und ließ sich auch mit Kind problemlos meistern.“ 1989 – die junge Frau steckt mitten in ihrer Facharztausbildung an der Kinderklinik Saalfeld – kommt ihr zweites Kind zur Welt. Ines Pechtold unterbricht ihre Facharztausbildung und nimmt sich für den kleinen Sohn und die Tochter, die inzwischen bereits zur Schule geht, ein Jahr Auszeit. Anschließend kehrt sie an die Kinderklinik Saalfeld zurück. Während ihrer Dienste kümmern sich ihr Mann und die Großeltern um den Nachwuchs. „Die Unterstützung durch die Familie war immer sehr groß und auch sehr wichtig. Meine Eltern, meine Schwiegereltern und natürlich mein Mann haben mir bedingungslos den Rücken frei gehalten.“

Wechsel in die Niederlassung

Nach ihrer Facharztausbildung wechselt die junge Frau 1991 als Assistenzärztin in die Niederlassung eines Hausarztes in Rothenkirchen/Oberfranken. Ein Jahr später, Ines Pechtold ist gerade 30 Jahre alt, führen die beiden die Praxis als Gemeinschaftspraxis weiter. „Die Arbeit in der Niederlassung und die Tatsache, dass die Kinder nicht mehr ganz so klein waren, haben es mir insgesamt etwas leichter gemacht, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen.“ Doch weder die Familienplanung noch die berufliche Weiterentwicklung sind für Ines Pechtold zu diesem Zeitpunkt bereits abgeschlossen. Die Kindergartenphase von Sohn Benjamin nutzt sie, um neben ihrer Praxistätigkeit Weiterbildungen in Betriebsmedizin, Akupunktur und Notfallmedizin zu absolvieren. 1999 kommt Nachwuchs Nummer Drei zur Welt. Nur sechs Wochen nach der Geburt ihres zweiten Sohnes steht Energiebündel Ines Pechtold wieder in ihrer Praxis. „Das wäre ohne meine Mutter allerdings nicht möglich gewesen, die sich um den Kleinsten gekümmert hat.“

Manchmal ein schlechtes Gewissen

Hatte sie in dieser Zeit jemals das Gefühl, dass ihr irgendwann die Kraft ausgehen könnte? „Nein, dass die Kraft ausgehen könnte, nicht. Aber natürlich habe ich es als Belastung empfunden, dass ich für Zusatzausbildungen, Fortbildungen oder Qualitätszirkel viel unterwegs sein musste und dass meine Kinder meistens am Wochenende auf ihre Mutter verzichten mussten. Ich habe mich häufig schlecht gefühlt, weil ich so wenig Zeit für sie hatte.“ Doch ihr Beruf sei ihr Leben, erzählt Ines Pechtold weiter, und die Familie habe dafür Gott sei Dank immer Verständnis gehabt. Und so sei das Familienleben eben um ihre Praxiszeiten Notdienste und Hausbesuche herum organisiert worden.

In Mutters Fußstapfen

Ines Pechtold hat offensichtlich alles richtig gemacht. Ihre Kinder jedenfalls scheinen nicht das Gefühl zu haben, sie seien durch den Beruf der Mutter zu kurz gekommen. Tochter Michelle hat sich die Mutter beruflich sogar zum Vorbild genommen. „Sie ist seit 2009 als Assistenzärztin in Ausbildung zur Fachärztin für Allgemeinmedizin in meiner Praxis angestellt, die ich seit 2002 hier in Tettau als Einzelpraxis betreibe.“ Die Unterstützung ihrer Tochter kann Ines Pechtold gut gebrauchen. Immerhin beschäftigt sie inzwischen 14 Mitarbeiter – viele davon in familienfreundlichen Teilzeitmodellen. Die Praxis hat im Quartal zirka 2.300 Scheine. Man könnte also meinen, die 50-Jährige sei ausgelastet – doch weit gefehlt. Seit 2009 engagiert sie sich berufspolitisch im Hausarztverein Kronach Stadt-Land, dessen dritter Vorstand sie ist. Und auch im Ärztlichen Kreisverband Kronach mischt sie seit 2010 ordentlich mit. Zu Hause warten außerdem ein eigener Bauernhof mit Ziegen, Hühnern, Hasen und Gänsen auf sie. Und die beiden kleinen Enkeltöchter fordern natürlich auch ihr Recht.

Junge Ärzte fürs Land

Woher nimmt sie für all dies die Kraft und Zeit? „Aus meinem Beruf! Wenn man Menschen liebt, wenn man Mut, Selbstvertrauen und Freude an seinem Beruf hat, dann gibt einem das sehr viel zurück. Das schützt einen auch vor einem Burnout. Der Spaß an der Medizin muss immer erhalten bleiben, auch, wenn das bei den immer wiederkehrenden Regressen nicht immer leicht ist.“ Welche Familien fördernden Maßnahmen für junge Ärztinnen und Ärzte in der Niederlassung wünscht sich Ines Pechtold von der Politik? „Das neue Versorgungsstrukturgesetz bringt zwar für junge Ärztinnen und Mütter schon viele Erleichterungen, aber wir brauchen auch lukrative Angebote, damit wir junge Arztfamilien aufs Land bekommen.“

Den vollständigen Artikel finden Sie im KVB-Mitgliedermagazin “KVB FORUM”, Ausgabe 6/2012

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4 Kommentare zu „Für mich gab es keine Widerstände, nur Herausforderungen“

  1. Martin Interna sagt:

    Der Beruf ist ihr Leben; da fragt man sich dann,: warum Kinder?Zusätzlich? Man muss sich im Klaren sein, dass Berufstätigkeit als Frau mit Kind im Vollzeitjob Arzt immer eine Jonglieren mit Mängeln ist. Der Beruf leidet, die Kinder leiden, die Familie leidet , alle leiden Mängel, weil man als Frau diese Grätsche eben nicht alleine bewältigen kann.Wer das meint, dass das ok sei, bitte. Ich beglückwünsche jeden ,der so ein soziales Umfeld hat.

    • ein kollege sagt:

      Herr Kollege, haben Sie Kinder? Wenn ja, warum? Zusätzlich?

      Ist Ihnen klar, dass Berufstätigkeit als Mann mit Kind im Vollzeitjob Arzt immer ein Jonglieren mit Mängeln ist? Der Beruf leidet, die Kinder leiden, die Familie leidet, alle leiden Mängel, weil man als Mann diese Grätsche eben nicht alleine bewältigen kann.

      Es sei denn, man hat eine Frau Zuhause für Hausarbeit und Kinderziehung.

      Willkommen im 19. Jahrhundert!

  2. Dr. Annegret Keller sagt:

    Ich finde es ganz wunderbar, wie Frau Pechtold alles zusammen meistert. Ich bin in der DDR groß geworden, da waren Berufstätigkeit UND Kinder eine Selbstverständlichkeit und den Kindern ging es definitiv gut. Besser als heute!!
    Meiner 4 -jährigen Tochter geht es bestens, sie ist ein glückliches, fröhliches Kind UND ich habe meine eigene Praxis.
    Übrigens habe ich keine Dauer-Oma-Versorgung, sondern liebevolle, engagierte Kinderfrauen.

  3. Rainer Voigt sagt:

    Ich finde es super, wie Ines und Rolf das gemeistert haben – ganz tolle Anerkennung.
    Wer von Mängeln spricht, kennt sicherlich die Ergebnisse der GOSAT-Studie nicht!?
    Und wer von Mängeln sprcht, der kennt sicherlich die Frau Dr. Pechtold nicht? Das ist eine Powerfrau, die anpacken kann und bevor andere „Weiber“ die Haare in Ordnung gebracht haben, hat sie schon 5 Patienten versorgt!
    Es ist eben so im Leben – Mitleid bekommste geschenkt und Neid musst du dir hart erarbeiten!
    Tettau kann sich glücklich schätzen so eine tolle und kompetente Medizinerin im Ort zu haben!

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