Frauenpower mit familiärem Umgangston

Dr. Christina Andersen (53),
Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie,
Ärztliche Leiterin eines MVZ in München,
verheiratet und Mutter zweier Kinder

Es muss etwas dran sein an der landläufigen Meinung, Frauen seien im Gegensatz zu Männern stressresistenter. Anders als mit dieser Fähigkeit und viel Energie lässt sich das, was Dr. Christina Andersen in den letzten 18 Jahren auf die Beine gestellt hat, nur schwer beschreiben: 1993 lässt sich die gebürtige Berlinerin zusammen mit einer Kollegin im Münchner Osten nieder. Gemeinsam wollen sie hier eine Praxis für Neurologie und Psychiatrie betreiben. Die Kollegin hat bereits ein Kind, Dr. Christina Andersen wird ein Dreivierteljahr nach der Praxisgründung schwanger. Im Umkreis gibt es weit und breit niemanden, der sie zu diesem Zeitpunkt vertreten kann. Also arbeitet die werdende Mutter bis zur 39. Schwangerschaftswoche weiter. Drei Wochen nach der Entbindung muss sie bereits ihre Kollegin vertreten, deren Kind erkrankt ist. Drei halbe Tage ist sie fortan wieder in der Praxis. Ihre Tochter wird in dieser Zeit zu Hause von der Großmutter versorgt, später stellt die junge Ärztin für die Betreuung eine Kinderfrau ein. „Ich wollte meine Tochter nicht irgendwo abliefern. Mein Versuch, einen Platz in einer Kinderkrippe zu bekommen, war damals völlig illusorisch. Ich war ja verheiratet und nur Alleinerziehende kamen auf die Warteliste.“

Jahrelang investiert Dr. Andersen den Großteil ihres Verdienstes deshalb in die Kinderfrau. Die Politik und das KV-System sind zu diesem Zeitpunkt auf Frauen wie sie nicht eingestellt. „Es gab von der KV keinerlei Unterstützung und vom Gesetzgeber keinen Pfennig. Weder Elterngeld noch Überbrückungsgeld, Lohnfortzahlung – nichts. Sechs Monate nach der Entbindung musste ich trotz meines Widerspruchs auf Anordnung der KV wieder am Notdienst teilnehmen. Da hat sich für die jungen Ärztinnen heute schon viel zum Positiven hin verändert.“

„Eine Wahnsinnsbelastung“

Vier Jahre später bekommt Dr. Andersen ihr zweites Kind. Wieder steht sie bis kurz vor der Geburt in der Praxis. Auch diesmal lässt sie sich nach der Niederkunft mit der Rückkehr nicht viel Zeit. Die Kinderfrau ist nun zu Hause für beide Kinder verantwortlich. Für den Notfall steht die Mutter der Ärztin parat, da ihr Mann beruflich ebenfalls sehr eingespannt ist. „Man schafft das natürlich, obwohl es eine Wahnsinnsbelastung ist. Manchmal war ich so müde, dass ich dachte, ich schlafe vor den Patienten ein.“

In Teilzeit auf Expansionskurs

Trotz allem ist die Medizinerin beruflich weiter auf Erfolgskurs. Anderthalb Jahre nach der Geburt ihres zweiten Kindes ergibt sich für sie die Möglichkeit, als Partnerin in eine neurologische Praxis im Ärztehaus Harlaching einzusteigen. Das erspart ihr eine tägliche Fahrtstrecke von immerhin 80 Kilometern. In der neuen Gemeinschaftspraxis gibt es drei Zulassungen, jedoch begrenzte Raumkapazitäten, sodass die Partner schon allein dadurch gezwungen sind, Teilzeit zu arbeiten. Der familiären Situation der beiden weiblichen Ärzte kommt das nicht ungelegen und dem Erfolg der Praxis tut das keinen Abbruch. Im Gegenteil: Die Patientenzahl wächst und mit ihr die Zahl der angestellten Ärzte. Schon bald zieht sich der ursprüngliche Praxisinhaber zurück. „Er hat seine Zulassung verkauft und wir haben weiter expandiert.“ Schließlich sind sie zu viert – drei Frauen, ein Mann. Die Teilzeitmodelle, auch die der Praxismitarbeiterinnen, sind so unterschiedlich, dass eine ausgeklügelte Planung der Zeiten und Arbeitsplätze notwendig wird. „Wir hatten alle so wenig Platz, dass wir uns arrangieren und abwechseln mussten.“ Seit dem Bezug eines weiteren Domizils im Münchner Stadtteil Nymphenburg gehören die Zeiten knapp bemessener Praxisräume der Vergangenheit an. Doch mit jedem neuen Standort und jeder weiteren Zulassung wird die Organisation der vielen unterschiedlichen Teilzeitmodelle herausfordernder. 2008 haben Dr. Andersen und ihre Kollegen ihre Gemeinschaftspraxis in ein Medizinisches Versorgungszentrum umfirmiert. „Das haben wir gemacht, weil wir eine Zulassung für Psychotherapie erwerben wollten. Die Zulassung ist inzwischen dreigeteilt und wird von zwei Frauen und einem männlichen Kollegen, alle in Teilzeit, ausgefüllt.“

Ausgeklügeltes Organisationssystem

Mittlerweile gibt es vier Standorte – jeweils mit den Praxisschwerpunkten Neurologie, Psychiatrie, Psychotherapie und Schmerztherapie. Immer zwei Ärzte können in einer Praxis gleichzeitig arbeiten. Bei allen Teilzeitmodellen wird von den ärztlichen Mitarbeitern eine gewisse zeitliche Flexibilität erwartet, wobei diese Flexibilität auch für die private häusliche Kinderbetreuung gilt. „Ob Partner, angestellte Ärzte oder Arzthelferinnen: Sie alle müssen dafür sorgen, dass die Kinderbetreuung geregelt ist, damit wir als Arbeitgeber das nicht permanent kompensieren müssen, wenn ein Kind mal Schnupfen hat.“ Das sei zwar hart, meint die 53-Jährige, aber es ginge nicht anders. Gleichzeitig betont sie, dass in ihrer frauendominierten Praxis ein äußerst familiärer Umgangston herrsche. „Wir kümmern uns sehr um unsere Angestellten, wir nehmen Anteil an ihrem privaten Leben und legen extrem viel Wert auf Eigenverantwortung. Gerade für Teilzeitkräfte ist das eine wichtige Motivation.“

Ärgernis RLV

Das MVZ von Dr. Christina Andersen und ihren Partnern ist ein Paradebeispiel dafür, wie Praxis und Familie miteinander in Einklang gebracht werden können – und hat für die Praxisbetreiber selbst doch einen ganz entscheidenden Nachteil: Stichwort Regelleistungsvolumen, kurz RLV. „Alles war gut, bis die ins Spiel kamen“, ärgert sich die Medizinerin. Seitdem werde man dafür bestraft, dass man wegen der Kindererziehung jahrelang Teilzeit gearbeitet habe und nun seine Stundenanzahl erhöhen wolle. „Wir müssen jetzt ein Jahr umsonst arbeiten, weil wir nicht auf die durchschnittlichen Fallzahlen aufschließen können. Gegen die RLV-Zuweisung der KVB haben wir Widerspruch eingelegt, aber wann wir einen Bescheid bekommen, ist völlig unklar. Doch ohne Bescheid können wir nicht klagen. Das sind drei Zulassungen, die nicht ausgeschöpft werden. Mittlerweile geht es hier um eine sechsstellige Summe.“

Die 53-Jährige ist empört darüber, dass die Festlegung der RLV sich offenbar vorwiegend an männlich geführten Praxen mit hohen Umsätzen pro Zulassung orientiert. „Niemand hat daran gedacht, dass es auch Ärzte gibt, die unter dem Durchschnitt liegen, weil sie familiär bedingt Teilzeit arbeiten und irgendwann mal – weil sich ihre private Situation geändert hat – auf den Durchschnitt hochwollen. Und genau das dürfen sie dann nicht.“ Die Wünsche und Forderungen der Ärztin liegen deshalb auf der Hand: „Es wird höchste Zeit, dass sich der Gesetzgeber über diese ungewollte, aber real existierende Diskriminierung von Ärztinnen in und nach Teilzeit Gedanken macht.“

In Baden-Württemberg gebe es hierzu bereits ein Urteil, wonach man zum normalen durchschnittlichen RLV seiner Fachgruppe aufschließen dürfe. Nur in Bayern wolle man dieses Problem scheinbar noch nicht angehen. Kein Wunder, so das Fazit von Dr. Christina Andersen, dass viele Frauen vor der Investition in eine eigene Praxis zurückschrecken.

Den vollständigen Artikel finden Sie im KVB-Mitgliedermagazin „KVB FORUM“, Ausgabe 11/2011

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