„Die Rahmenbedingungen müssen stimmen“

Sigrid Lochmann (34 Jahre),
Ärztin in Weiterbildung,
verheiratet und Mutter zweier Töchter,
wohnt in Achberg (Baden-Württemberg)

„Beruf und Familie zu vereinbaren, ist ein mühsames Geschäft mit Haken und Ösen. Aber es ist machbar.“ Das sagt Sigrid Lochmann aus Achberg in Baden-Württemberg. Seit 2004 bildet sie sich zur Fachärztin für Allgemeinmedizin weiter und hat in dieser Zeit zwei Töchter bekommen, Mirijam (5) und Ayumi (2). Dass der örtliche Kindergarten mittags schloss, erschwerte ihre Bemühungen sehr, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bringen. Hinzu kam die Sorge, einen Lohnzuschuss der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) zurückzahlen zu müssen.

Drei Jahre mehr Zeit

Die ersten eineinhalb Jahre ihrer insgesamt fünfjährigen Weiterbildung begann Lochmann in einem Krankenhaus. Kurz darauf wurde sie mit Mirijam schwanger und blieb nach der Geburt vier Monate zu Hause. Danach übernahm sie in der Klinik Nachtdienste, sodass bei der Kinderbetreuung ein fließender Übergang mit dem tagsüber arbeitenden Ehemann möglich war. Nach Ablauf des befristeten Arbeitsvertrages fand sie in einer Hausarztpraxis eine Stelle als Praxisassistentin, die Tochter kam vorerst bei einer Tagesmutter unter.

„Geregelte Arbeitszeiten, netter Chef, alles schien gut“, beschreibt Lochmann ihre damalige berufliche Situation. „Nur mit dem Pferdefuß eines Lohnzuschusses der KV, der sich nach Antritt der Arbeitsstelle als Ausbildungsdarlehen herausstellte“, ergänzt sie und erklärt: „Die Förderung war an die Bedingung geknüpft, dass ich meinen Facharzt innerhalb von fünf Jahren schaffe.“ Durch die Geburt von Ayumi verlängerte sich allerdings Lochmanns Weiterbildungszeit. Ihre Sorge wuchs, das Geld zurückzahlen zu müssen. Schließlich stellte sie einen Härtefallantrag und schaffte es, die Frist um drei Jahre zu verlängern.

Keine Kinderbetreuung am Nachmittag

Ihr größtes Problem, um Arbeit und Familie zu vereinbaren, seien fehlende Kinderbetreuungsmöglichkeiten vor Ort, sagt die angehende Allgemeinmedizinerin. „Ich lebe in einem Dorf, in dem es zum guten Ton gehört, dass man als Mutter mindestens drei Jahre zu Hause bleibt, besser zehn oder fünfzehn Jahre. Der Kindergarten schließt schon um 13.30 Uhr.“ Als die Tagesmutter kündigte, fand Lochmann nur deshalb in der fünf Kilometer entfernten Nachbargemeinde einen Platz in einem Ganztagskindergarten, weil die zuständige Angestellte der Gemeinde in „gnädiger Stimmung“ war, erzählt sie. Derzeit arbeitet die zweifache Mutter in einer Rehaklinik, bei der sie montags von 7.30 Uhr bis 13 Uhr sowie dienstags, mittwochs und donnerstags von 10 bis 16 Uhr als Stationsärztin tätig ist. Diesen Sommer müsse sie sich erneut mit dem Thema Kinderbetreuung auseinandersetzen. Dann werde ihre älteste Tochter eingeschult, doch gebe es weder Hort- noch Ferienbetreuung. Ohne Omas Hilfe wäre die Familie aufgeschmissen.

Weiterbildung mit der Option Elternzeit

Ärztinnen in Weiterbildung sollten von vornherein die Möglichkeit erhalten, im Falle eines Familiennachwuchses drei Jahre Elternzeit zu nehmen, wünscht sich Lochmann. „Andere Mütter haben dieses Recht auch“, betont sie. An die Ärztekammer appelliert sie, die Facharztweiterbildung nicht mit praxisfernen Inhalten unnötig kompliziert zu machen. Auch Arbeitsstellen mit weniger als 50 Prozent sollten als Weiterbildung anerkannt werden, wenn wichtige Kenntnisse erworben wurden.

„Grundsätzlich finde ich es positiv, Kinder zu haben und gleichzeitig zu arbeiten. Klar, anstrengend ist es auf jeden Fall – egal, wo man arbeitet. Doch gerade im Gesundheitswesen stimmen die Rahmenbedingungen noch nicht“, zieht Lochmann ihr persönliches Fazit. Ob sie sich trotz ihrer Erfahrungen vorstellen könne, sich später niederzulassen? „Wenn die Kinder älter sind, vielleicht“, sagt sie. „Wenn Regresse abgeschafft worden sind und es ein vernünftiges Abrechnungssystem gibt.“

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Ein Kommentar zu „Die Rahmenbedingungen müssen stimmen“

  1. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie hat schon immer und wird auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Die Abkehr von der klassischen Rollenverteilung hin zu einer freizeitorientierten Planung rückt dieses Problem aber in den Vordergrund.
    Die Flexibilität, die hier im Beitrag beschrieben wird, ist im Arztberuf offensichtlich schon sehr hoch. Warum sonst muss nur die ärztlich berufstätige Frau sich um die Versorgung der Kinder bemühen. Der Ehemann ist offensichtlich ganztägig berufstätig und Flexibilität scheint in seinem Beruf nicht groß geschrieben zu werden.
    Zwei volle Einkommen sind trotzdem Garant für ein gehobenes Familieneinkommen. Damit wird die Suche nach einer geeigneten Kinderbetreuung zum Luxusproblem. Niederqualifizierte Arbeitnehmer könnten sich rein finanziell gar keine Tagesmutter leisten.

    Ich empfehle, die Arbeit in den Vordergrund zu stellen und die Versorgung der Kinder für diese Zeit abzugeben. Das Geld dafür ist vorhanden. Arbeitsplätze werden geschaffen. Die Freizeit am Arbeitstagesende kann dann entspannt mit der Familie verbracht werden – ohne finanzielle Not.

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